Selma Maglić: Überlebenspräsenz

In meiner Fotoreportage Überlebenspräsenz richte ich den Blick auf das fragile, aber kraftvolle Leben nach einem Genozid. 2025 begleitete ich in Kozarac, Bosnien und Herzegowina, eine Frau und ihre Familie, deren Geschichte von Verlust und Neubeginn geprägt ist. Mit sechzehn Jahren erlebte sie den Ausbruch des Krieges, verlor Angehörige, fand in der Diaspora ein neues Leben – und kehrt doch immer wieder zurück an den Ort, der ihre Wurzeln trägt.

Meine Fotografien erzählen von diesen Rückkehrbewegungen: vom Pflanzen neuer Bäume, vom Bau neuer Häuser, vom Instandhalten der Gräber, vom Erinnern inmitten der Narben der Vergangenheit. Sie zeigen Menschen, die mit stiller Beharrlichkeit dem Vergessen entgegentreten und dem Verschwinden ein lebendiges „Wir sind hier“ entgegensetzen. Doch die Gegenwart in Kozarac ist nicht nur von Neubeginn geprägt. Der Krieg bleibt sichtbar – in den Ruinen zerstörter Häuser, in den Markierungen an Mauern, in den Denkmälern, die von Massakern zeugen.

Kozarac war 1992 einer der ersten Orte in Bosnien und Herzegowina, an dem serbische Truppen systematisch die bosniakische Bevölkerung vertrieben, internierten und töteten. Das gesamte Städtchen wurde fast vollständig zerstört, mehr als 3.000 Menschen ermordet, Zehntausende gewaltsam deportiert.

Diese Spuren lassen sich nicht auslöschen – sie bilden den dunklen Grund, vor dem die Gesten des Lebens, der Rückkehr und des Erinnerns ihre Kraft entfalten.

Surviving Presence

by Selma Maglić

In my photo reportage Surviving Presence, I turn my gaze toward the fragile yet powerful life that follows a genocide.
In 2025, I accompanied a woman and her family in Kozarac, Bosnia and Herzegovina – a family whose story is marked by loss and new beginnings. At sixteen, the woman witnessed the outbreak of war, lost relatives, built a new life in the diaspora – and yet she keeps returning to the place that holds her roots.

My photographs tell of these movements of return: of planting new trees, building new houses, tending to graves, and remembering amidst the scars of the past. They portray people who, with quiet persistence, resist forgetting and counter disappearance with a living declaration: ‘We are here’.

But the present in Kozarac is not defined by renewal alone. The war remains visible – in the ruins of destroyed houses, in the markings on walls, in the monuments that bear witness to massacres.

Kozarac was one of the first places in Bosnia and Herzegovina where, in 1992, Serbian forces systematically expelled, interned and killed the Bosniak population. The entire town was almost completely destroyed, more than 3,000 people were murdered and tens of thousands violently deported.

These traces cannot be erased – they form the dark backdrop against which the gestures of life, return and remembrance unfold their strength.